Gendergerechte Verkehrsplanung

Mobilität wird immer noch zu sehr mit Autofahren gleichgesetzt.
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Nun soll es also auch noch auf unseren Straßen gendergerecht zugehen? Die Stadt- und Verkehrsplanung ist zu sehr an den Interessen Auto fahrender Männer orientiert, kritisieren die Grünen in Nürnberg. Ihr Wunsch: eine Stadt der kurzen Wege. Und tatsächlich kenne ich – als Pedalritter ohne Furcht und Tadel – das Problem: Es gibt zu wenig Fahrradwege. Oft sind sie durch Motorräder oder Autos zugeparkt. Ich muss auf Gehwege ausweichen, wo mich manch Passant am liebsten vom Rad schubsen würde. Doch auch die Hauptstraßen sind so eng, dass sich immer wieder wütende Autofahrer mit lautem Hupen beschweren. Von zu kurzen Ampelphasen und den schmalen Mittelinseln will ich an dieser Stelle gar nicht reden. Wer in solchen Situationen noch einen Anhänger mit Kindern durch die Gegend zieht, für den oder die wird die Tour zu Kindergarten oder Schule rasch zur gefährlichen Tortur.

Doch was hat das Ganze mit den Männern zu tun? Sind sie tatsächlich schuld an der Verkehrsmisere, weil sie Straßen und Wege planen, ohne auf Frauen Rücksicht zu nehmen? Klar, SIE übernimmt tatsächlich in der Familienphase noch immer den größeren Teil der Versorgungsarbeit. Die Mütter bringen überwiegend die Kinder in die Kita, fahren zum Einkaufen oder versorgen hilfsbedürftige Angehörige. Oft sind sie dabei ohne Auto unterwegs. Doch stimmt es, dass die Männer beim Planen von Verkehrswegen überhaupt nicht an die Belange von Frauen denken, wie die Grünen postulieren? Fordern sie also zu Recht eine Anhörung zur „gendergerechten Mobilitätsplanung“, wie Mike Bock verdeutlicht, junger Vater und verkehrspolitischer Sprecher im Nürnberger Stadtrat.

Es ist richtig: Mobilität wird noch immer viel zu sehr mit Autofahren gleichgesetzt. Doch schließen wir einmal die Rollen-Schubladen fest zu: Nicht nur Frauen, auch zahlreiche Väter sind mittlerweile auf Fahrrädern zu entdecken. Wagemutig schlängeln sie sich durch viel zu enge und oft zugeparkte Wege, um Kinder zur Kita oder zur Schule zu bringen. Furchtlos erledigen sie Einkäufe. Und manch Mann stellt sich sogar dem "modernen Abenteuer Straße", um per Bike und möglichst lebend die Arbeitsstelle zu erreichen. ER und SIE wünschten sich also mehr Platz, mehr Sicherheit, mehr Mobilität. Der Begriff „gendergerechte Verkehrsplanung“ ist da eher fehl am Platz und führt in die Sackgasse. Klar, gefährdende „Stolpersteine“ sind aus dem Weg zu räumen. Weil davon Frauen, Männer oder eben junge Eltern profitieren. Aber nicht nur! Mehr Sicherheit nutzt auch denen, die andere Verkehrsmittel als das Auto benutzen wollen und auch denen, die nicht mehr uneingeschränkt mobil sind.

Vorbild ist bei diesem Thema Österreich, wo das unterschiedliche Mobilitätsverhalten längst Gegenstand der Forschung ist. Pilotprojekt war der Wiener Stadtteil Mariahilf, in dem Gehwege verbreitert und Ampelphasen verlängert, aber auch Treppen mit Rampen und Liften ausgestattet wurden. Nicht nur Frauen oder Männer mit Kinderwagen oder Fahrrädern profitieren davon, sondern auch Senioren oder Behinderte, die nun besser vorankommen. Die Wiener Stadtplanerin Bente Knoll spricht hier übrigens nicht von „gendergerechter Verkehrsplanung“, sondern von „inklusiven Räumen“, die für möglichst viele Menschen eröffnet werden. Da wird zudem nicht nur auf Straßen oder Wege geblickt, sondern für genügend Sitzplätze zum Verweilen, für kühle Orte zwischen heißem Beton und für mehr Wasser- und vor allem ausreichend Grünflächen gesorgt. Inklusion statt Klischee – größere  Lebensqualität im Sozialraum für alle – so muss die Devise der Zukunft lauten.

10.05.2021 - Günter Kusch