Generation Beleidigt

Ein Weißer mit Dreadlocks - ist das schon kulturelle Aneignung?
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Dürfen weiße Frauen Dreadlocks tragen? Darf eine heterosexuelle Schauspielerin einen Trans-Mann darstellen? Dürfen Männer über Frauen-Themen sprechen? Kann ich mich über die Gefühle von Menschen mit anderer Herkunft oder Hautfarbe überhaupt äußern? „Nein, das darfst Du nicht“, so lautet die Antwort von so manchem Identitäts-Verfechter. Aktuelles Beispiel dafür ist die erbitterte Debatte darüber, ob weiße Autorinnen die Gedichte von Amanda Gorman übersetzen dürfen. Die junge, farbige Poetin hatte bei der Inaugurationsfeier von Joe Biden viele Menschen begeistert. In den Niederlanden musste eine weiße Übersetzerin ihrer poetischen Texte – nach harscher Kritik auf Social Media – den Auftrag sogar wieder zurückgeben.

Die französische Feministin Caroline Fourest, liefert in ihrer Streitschrift „Generation Beleidigt“ viele weitere Beispiele „identitätspolitischer Verdrehungen“. „Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloß angeblich ,afrikanische´Zöpfe zu tragen“, beklagt Fourest. „Kulturelle Aneignung“, so laute das Stich- und Reizwort, das heißt: Es ist nach der strengen Weltsicht von Identitätspolitikern heikel bis eben tabu, bestimmte Verhaltensweisen, Bräuche oder Moden zu übernehmen, die aus einer anderen Kultur stammen.

Einige Entwicklungen, die Fourest aufzählt, klingen tatsächlich sehr skurril: Da wird beispielsweise dazu aufgerufen, Jamie Oliver zu boykottieren, weil er einen „jamaikanischen Reis“ kreiert hat. In Kanada fordern Studierende die Streichung eines Yoga-Kurses, um sich bloß nicht die indische Kultur „anzueignen“. Scarlett Johansson sollte einen transsexuellen Zuhälter spielen – darf sie nicht, so urteilen Fanatiker. An amerikanischen Universitäten fahnden sie nach asiatischen Menüs in den Mensen. Und schon 2012 gab es in den USA eine virtuelle Hetzjagd gegen Heidi, eine Familienmutter, die eine Geburtstagfeier für ihre Tochter in japanischem Stil ausgerichtet hatte. Es war dann ein Japaner, der den Wütenden die Gegenfrage stellte: „Bist Du nur dann befugt, eine Pizza zuzubereiten, wenn du in Italien lebst?“

Das Schlussplädoyer von Caroline Fourest, die unter anderem für „Charlie Hebdo“ gearbeitet hat, soll ein wenig Entspannung, Ehrlichkeit und kritisches Bewusstsein in die aufgeregte Debatte bringen, die zu einer neuen Art der Ausgrenzung führen kann: „Diese Tyrannei der Beleidigung erstickt uns. Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit zu verteidigen, ohne der Freiheit zu schaden.“ Und Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, erinnert in seinem Artikel zum Thema „Kulturelle Aneignung“ vom 17./18. April 2021 an eine Äußerung des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Menschen, die die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte lieben, fragen nicht danach, ob jemand schwarz ist oder weiß. Denn nicht die Herkunft und eine daraus abgeleitete ,Identität´ entscheiden, sondern Haltung. Und die ist unabhängig von der Hautfarbe.“

Günter Kusch - 20.04.2021