Gerechtigkeit ist egoistisch!

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Bildrechte: Lina Osorio (unsplash)

Gerechtigkeit ist ein sehr intensives Bedürfnis. Schon mein 5-jähriger Sohn fordert lautstark Gerechtigkeit ein. So empfindet er es als völlig ungerecht, dass seine kleine Schwester heute noch Schokolade hat, die sie sich für heute aufgespart hat – und er nicht, weil er gestern bereits alles aufgegessen hat. Sein Gefühl ungerecht behandelt zu werden ist echt, verzweifelt, tränenreich und ich kann dieses Gefühl auch mit Erklären nicht auflösen.

Gerechtigkeit ist ein anthropologisches Bedürfnis aus ganz individueller Perspektive: Ich darf nicht ungerecht behandelt werden. Das ist der Ausgangspunkt für den Diskurs der Gerechtigkeit.  

Gerechtigkeit ist zuallererst also ein egoistisches Prinzip. Erst durch Reflexion und Lernen entsteht die Einsicht – das, was ich für mich fordere, gilt für andere genauso. Ich musste meinem Sohn erst beibringen, dass er seiner Schwester ihre Schokolade nicht wegnehmen darf. Wir erziehen unsere Kinder schon bei solch kindlichen Verteilungskämpfen zu teilen, auf Gewalt und damit das Vorrecht der Stärkeren zu verzichten. 

Und so teilt mein Sohn mittlerweile den Schokoriegel vorsichtig, aber trotzdem behält er das größere Stück für sich. Teilen ja, aber der Egoismus gewinnt am Schluss zumindest ein bisschen über den Altruismus gegenüber seiner Schwester. Und wenn wir ehrlich sind – ja, Gerechtigkeit ist wichtig und richtig, aber wenn der Schokoriegel eh schon ein bisschen ungenau geteilt wurde – würden wir nicht auch das größere Stück nehmen? So verhält es sich mit Gerechtigkeit im Kleinen wie im Großen.

Das egoistische Prinzip der Gerechtigkeit ist anthropologisch, der altruistische Anteil der Gerechtigkeit wird als Soziale Norm erlernt und wird zu einem sogenannten Deutungsmuster. Wir haben unser sehr subjektiv erlebtes und erlerntes Gerechtigkeitsgefühl so verinnerlicht, dass wir es in unserem Alltag völlig unterbewusst anwenden. Aber unser Egoismus ist trotzdem noch da. Bei dem einem ausgeprägter, bei dem anderen etwas weniger – doch ganz kommen wir alle nicht aus diesem Grundprinzip heraus. Wir reflektieren dieses Handeln nicht bewusst, sondern es wird ein Teil unseres unbewussten moralischen Kompasses.

Gerechtigkeit ist ein fluider Begriff, der sich immer wieder verändert und im ständigen Diskurs ausgelotet wird. Für welche Werte stehen wir ein, was macht Gerechtigkeit für uns aus? Wir wollen als Gleiche behandelt werden, nicht gleich. Und was das im Einzelnen heißt, muss immer wieder diskutiert und eingefordert werden. Wir müssen also immer wieder Gerechtigkeit einfordern, um Teil des Diskurses zu sein. Vielleicht nicht mit der gleichen Methode wie mein Sohn sich schreiend auf den Boden zu werfen –aber lautstark und vehement.

Voraussetzung für einen solchen Dialog ist die Augenhöhe – wir begegnen uns als Gleiche, um Gerechtigkeit zu definieren und gemeinsam einen Ausgleich für Ungerechtigkeit zu erarbeiten.

Ich muss gestehen, als Mutter fällt es mir schwer, nicht diejenige zu sein, die ein Machtwort spricht und sagt wo es langgeht und den Schokoriegel selber teilt und verteilt. Meine Gedanken über diesen Beitrag haben mich dazu veranlasst mit meinen Kindern ins Gespräch zu gehen und gemeinsam festzulegen, wie wir teilen wollen. Wir haben entschieden eine Regel einzuführen: Die eine teilt, die andere wählt. Eine positive Erfahrung von Gerechtigkeit im Kleinen. Das Verständnis, dass man gemeinsam miteinander eine Lösung finden kann, bei dem jede ihren Anspruch auf Gerechtigkeit als erfüllt ansieht und dass man zu ihrem eigenen Wohl im Moment Verzicht übt und den einen Millimeter weniger Schokoriegel akzeptiert. Ich war ganz zufrieden mit uns – bis der Streit entbrannte wer denn jetzt zuletzt mit wählen dran war und wer heute mit dem zerbrechen dran ist.

Ich gebe nicht auf. Ich bin davon überzeugt:  Positive Erfahrungen von Gerechtigkeit im Kleinen herstellen, dann können wir gemeinsam im Größeren an Gerechtigkeit arbeiten.

Linn Loher, Stabsstelle für Chancengerechtigkeit 6.9.2021